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Beyond Fear

04. Juni 2006
Gelsenkirchen - Rock Hard-Festival

Zwei Stunden nach dem Beyond Fear-Auftritt nahm sich Tim Owens ein paar Minuten Zeit um Rede und Antwort zu stehen. Der Mann, der musikalisch die wohl undankbarste Aufgabe hatte, der Nachfolger des "Metal-Gottes" Rob Halford bei Judas Priest zu sein. Er hat sie genutzt. Der Rest ist Geschichte und nun steht er mit seiner eigenen Band auf deutschen Bühnen.
Er erweist sich als angenehmer Gesprächspartner, der genau um seine Stärke - nämlich seine Stimme - weiß. Er wirkt sogar ein wenig schüchtern, was der Grund dafür sein könnte, warum ihn manche Fans auf der Bühne für arrogant halten.
Wie man sich täuschen kann...
(Kleine Bemerkung noch am Rande: Das Bühnenoutfit von Beyond Fear war quasi frei improvisiert, weil das gesamte Gepäck der Band auf dem Flug nach Deutschland verlorenging. Selbst die Instrumente waren geliehen.)


Der "Ripper" ist zurück und hat einen neuen Spitznamen...
(schaut verwundert) Was ist denn mein neuer Spitzname?

"Scream Machine"!
Ja, genau. Das ist gut. Damit kann ich leben.

Dann erstmal Gratulation zu einem fantastischen Debut. Eine Metal-Granate, der den Zahn der Zeit trifft und zugleich völlig zeitlos ist.
Ja, das ist es. Ich mag einfach diese fetten Gitarren, die alles zermalmen. Und ebenso die klassischen Gesangsstile wie Dio, Judas Priest oder Iron Maiden. Ich wollte ein Album machen, das quasi eine moderne Version eines klassischen Metal-Albums darstellt. Und eben keines was tief in den Achtzigern stecken geblieben ist. Meine Mitstreiter haben z. B. Einflüsse von Madball, Pantera oder Hatebreed. Das ist eine gute Mixtur.

Hat es bis dato negative Kritiken gegeben?
Ganz wenige. Interessanterweise hat dieses Album - im Vergleich zu allen anderen, auf denen ich gesungen habe - die besten Kritiken bekommen. Es wurde sehr wohlwollend angenommen. Und das ist schön, weil ich halt einige Songs komplett selbst geschrieben habe. Wie z. B. "Save Me", der aus der "Demolition"-Zeit kommt. Priest wollten ihn aber nicht verwenden (Anm.: Hätten sie ihn mal genommen. Wäre ein Highlight geworden.).

Kommen wir auf Deine Stimme zu sprechen. Fans und Presse sagen wohl zu Recht, Du hättest einer der besten Metal-Stimmen überhaupt. Hast Du irgend eine Art von Ausbildung dafür gehabt?
Ich hab früher in einem Chor gesungen. Dann ein bißchen Musik-Theorie und Musik-Geschichte. Ich hatte gute Lehrer. Und ich habe viel gelesen. Darüber, wie man auf seine Stimme aufpasst. Aber generell gilt, wenn du eine gute Stimme hast, mußt du auf sie aufpassen. Du bist mit diesem Talent geboren. Dann mußt du sie weiter entwickeln und dafür mußt du hart arbeiten. Und das tue ich, weil ich so gut sein will, wie ich nur eben sein kann.

Und wie hältst Du Deine Stimme fit, wenn Du - wie mit Priest - so lange auf Tour bist?
(Wie aus der Pistole geschossen) Schlafen! Viel schlafen! Keine langen Nächte. Viel Wasser trinken und schlafen.

Eine dezente Vergleichsfrage in Richtung Rob Halford. Denn wann man ihn mit der Reunion-Tour live erlebt hat, merkt man schon, daß er mit seiner Stimme phasenweise zu kämpfen hat.
Was ist, wenn Deine Stimme in 15 oder 20 Jahren nicht mehr so will, wie sie jetzt kann? Was machst Du dann?

Ich glaube nicht, daß mir das passieren wird. Naja, Rob tourt erst mal mehr als ich und das ist wohl nicht so gut.
Ich bin jetzt 39 Jahre alt und singe noch genau so gut, wie vor einem Jahr (lacht) (Anm.: Er hat den "tollen" Vergleich wohl bemerkt.). Okay, vielleicht singe ich heute nicht mehr so hoch, wie vor ein paar Jahren. Dafür hat meine Stimme aber schon ein recht breites Spektrum. Aber man kann das nicht voraussehen. Ich fühle mich jetzt gut und habe keine Ahnung was in....(überlegt)...wie vielen Jahre sagtest Du?

15 bis 20 Jahre.
Oh mein Gott, da bin ich alt. Dann bin ich ja 60. Ich hoffe, ich mache das dann nicht mehr. Meine Frau würde mich gar nicht lassen.

Und was sagen die Kinder zu dem, was Papa so treibt?
Nicht viel. Meine Tochter ist 1 Jahr und mein Sohn wird nächste Woche 3 Jahre alt.

Na, da kommt noch nicht viel bei rum. Logisch.
Ein kleiner Abstecher zu den Texten. Alles in allem lesen sie sich sehr persönlich. Speziell bei "My last words", in dem du Deine Familie direkt ansprichst. Du bist Ehemann und Vater und in einem Alter, wo das Ende noch weit weg ist. Wieso "Meine letzten Worte"?
Das hat einen reellen Hintergrund, inspiriert durch einen Golf-Spieler, der durch einen Flugzeugabsturz ums Leben kam. Ich habe einfach versucht, es durch seine Augen zu sehen. Was würde ich meiner Familie schreiben, wenn ich in einem Flugzeug sitze und weiß, dass ich gleich sterben muss.

Du würdest Dich also als gefühlsbetonten Menschen beschreiben.
Ja, auf jeden Fall.

Wann hast Du das letzte Mal richtig von Herzen gelacht? Und warum?
Daran ist wohl mein Sohn schuld. Der macht die verrücktesten Sachen. Er tanzt wild herum und vieles mehr. Und er flucht definitiv mehr als ich (Anm.: Ein guter Nachwuchs-Metaller!).

Was fällt Dir als Erstes ein, wenn ich sage: Kindheit.
Perfekt. Meine Kindheit war perfekt.

Geld.
Mehr. Ich brauche immer mehr Geld (Anm.: Das Augenzwinkern stand im förmlich ins Gesicht geschrieben).

Familie.
Großartig! Ich habe eine wundervolle Familie.

Okay, letzte Frage. Ganz objektiv: Stört es Dich - jetzt nach der Priest-Reunion - immer wieder auf den Split und die gesamte Zeit angesprochen zu werden?
Nein. Ich spreche gerne darüber. Sie sind immer noch Freunde. Ich weiß sehr zu schätzen, was Judas Priest für mich getan haben. Sie haben ja quasi die ganzen Türen für mich geöffnet.
Und deswegen bin ich hier auf diesem Festival!

Recht hat der Mann.



Das Interview führte Siegfried Wehkamp.