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Dragonforce, 21.10.2006

NL-Groningen - Oosterpoort
Support: Firewind


In Holland ist alles etwas anders. Dachte ich so bei mir, als ich vor "De Oosterpoort" in Gronigen stehe. Der entpuppt sich nämlich als eine Art Kulturzentrum, die Front fast komplett verglast, ein riesiges Foyer mit Bar und diversen Sitzmöglichkeiten. Und zwischen den ganzen Metal-Fans immer wieder Ehepaare, die wohl ins Theater wollen und sich überhaupt nicht an dem jungen Volk stören. Aber wo spielen dann bitte ... ah ja, im "Kleine Zaal". Der Weg dorthin führt durch einen längeren verglasten Gang. Endlich an der Tür angekommen, warten die Fans ziemlich gesittet auf den Einlass - kein Drängeln, kein Grölen (trotz Alkohol). In Holland ist alles etwas anders. Auch besagte Fans. Das Durchschnittsalter liegt bei max. 22 Lenzen. Und in die Outfits vermischen sich die Anleihen von Punk, Gothic oder Mittelalter zu mit dem klassischen Metaller. Und die Shirts? Geht's noch bunter: Bullet for my Valentine, Mercenary, Cradle of Filth, Bolt Thrower, Iron Maiden, Candlemass, Nevermore, Slayer, etc.
Daß das alles funktioniert, sollte sich später zeigen. Aber wo ist jetzt der Saal? Ich sehe durch die Tür nur ein ähnliches Foyer wie vorne, zusätzlich mit einer ausgewiesenen Tanzfläche mit dazu gehörigem DJ für die Vorab-Beschallung. Und der "Kleine Zaal" ist für meine Begriffe ein recht großer Theater-Saal, in den mit Sicherheit 1.000 Menschen passen dürften. Parkett vor der Bühne und an den anderen drei Seiten, gepolsterte (!) Sitzränge. Hallo?? Metal-Konzert?!?!

Und was für eins!! Ohne viel Brimborium legen Firewind mit "Allegiance" einen sauberen Start hin. Von Anfang an eine super Stimmung im Publikum, welches nach jedem Song einen Applaus spendiert, der beinahe einem Co-Headliner würdig wäre. Dass für beide Bands heute das erste Date der Europatour ist, merkt man fast nicht. Saitenhexer Gus G. fiedelt was das Zeug hält, aber ohne sich dabei arrogant in den Vordergrund zu spielen. Der Weg ist eben das Ziel. Der Rest der Instrumentalfraktion spielt einwandfrei (Mark Cross hat seinen Auftritt bei einem verzichtbaren Drumsolo - lieben noch 'nen Song spielen). Anheizer Nr. 1 ist aber Sänger Apollo, der mit seinem Rock-Vibe in der Stimme perfekt zu Melodic-Hymnen wie "Insanity" oder "Fallen to pieces" passt. Die größte Überraschung ist dann aber, als Apollo einen Special-Guest ankündigt und Sängerin Tara auf der Bühne erscheint. Zusammen bringen die beiden eine Hammerversion des Duettes "Breaking the silence" vom aktuellen Album. Nach dem Überhit "Tyranny" hinterlässt die Band ein euphorisches Publikum und ich frage mich, was denn gleich hier abgehen wird.

Erster Hingucker während der Umbaupause - zwischen Keyboards und Drumkit ein mannshoher Aufsteller mit dem Dragonforce-Cover. Nur nicht mit der gedruckten Uhr, sondern eine echte LCD-Anzeige und die zeigt "03:02". Großes Fragezeichen! Dann wird es dunkel, Slayers "Raining Blood" dröhnt aus den Boxen und die Uhr läuft parallel dazu runter. Wow, der perfekte Metal-Countdown! Als danach "die schnellste Band der Welt" mit "Black fire" die Bühne stürmt, bricht die Hölle aus. Wer von den sechs Herren heute die meisten Kilometer auf der Bühne zurück legt, ist unbeantwortbar. Rennen, springen, posen - alles dabei. Party pur! Okay, Drummer David wohl weniger. Dafür legt der aber ein irres Tempo vor und ist speziell in den Blastbeat-Passagen noch schneller als auf CD. Doch der Rest glänzt durch eine unglaubliche Spielfreude und -technik, dass einem beim Zusehen echt schwindelig wird. Keyborder Vadim präsentiert ein Solo der Sonderklasse (Dragonforce meets Techno-Beat - völlig wahnsinnig) und ein fabelhaft singender ZP Theart verteilt Wasser an die Fans, als hätte er alle Supermärkte der Stadt geplündert. Ja, und die Fans? Die singen fröhlich mit, bangen sich den Schädel weg oder stagediven mit einer vorbildlichen Umsichtigkeit für sich und die Band. Zwischendurch wird dann noch ein amtlicher Moshpit angezettelt und selbst dabei fröhlich weiter gegrinst. Komisch, hier wird irgendwie besser gefeiert als bei uns unterkühlten Nordmännern ... ich bin völlig fassungslos. So macht Metal richtig Spaß! Von der ersten bis zur letzten Sekunde. Der Zugabenteil birgt dann noch mehr (wenn auch nicht geplante) Hightlights. Zuerst wird mal das Publikum in der Mitte geteilt, um zu sehen, welche Seite denn wohl lauter schreien kann. Ergebnis: beide, von Mal zu Mal mehr. Der Höhepunkt dieses Wahnsinns folgt, als "Through the fire and flames" durchstartet und das bis dato noch geteilte Publikum ein ungefragte "Wall of death" inszeniert. Und das ohne Verletzte!! Die Fans hier sind völlig durchgeknallt! Die lassen sich nicht mal aus der Ruhe bringen, als beim abschließenden "Valley of the damned" beide Gitarren ausfallen und die Band abbrechen muss. Die Techniker versuchen das Problem zu lösen, währen auf der Bühne allerlei verbaler Unfug getrieben wird. Diejenigen, die Gitarrist Sam eben noch für "cool" erklärt haben, heben ebenfalls die Arme, um ihn als "c*nt" zu bezeichnen ... und ein gefordertes Drumsolo wird von David lässig mit "Ey, jeder verdammte Song ist für mich ein Drumsolo" gekontert. Touché. Als dann alles wieder paletti ist, steigt die Band genau da ein, wo sie vorher abbrechen musste. Profis eben.

Danach ist der Zauber so schnell vorbei, wie er gekommen war und alle machen sich ganz gesittet auf den Weg nach draußen - kein Drängeln, kein Grölen. In Holland ist halt alles etwas anders.




Setlist - Firewind

Allegiance
Insanity
I am the anger
Instrumental
Drum Solo
Between heaven and hell
Till the end of time
Fallen to pieces
Breaking the silence (feat. Tara)
Tyranny



Setlist - Dragonforce

Black fire
Fury of the storm
Operation ground an d pound
Revolution deathsquad
Starfire
Keyboard Solo
Soldiers of the wasteland
Body breakdown
My spirit will go on

Through the fire and flames
Valley of the damned



Text & Fotos: Siegfried Wehkamp