Jesses, 14.30 Uhr ist auch eine verdammt unchristliche Zeit, um solch einen hochkarätigen Bolz-Abend zu beginnen. Dementsprechend trudele ich auch gute 20 Minuten zu spät ein, nur um festzustellen, dass man sich Adversus echt hätte sparen können. Sämtliche Musiker - darunter sogar Geige, Kontrabass und gleich 2 (!!) Heulbojen - in Schwarz, Lautstärke wie mein Radio und in deutsch vorgetragene, völlig gesichtslose Songs irgendwo zwischen Mittelalter-Goth-Rock und Haggard mit weniger Klassik, die niemanden vom Hocker reißen. Sorry, aber die Band ist zur falschen Zeit am falschen Ort!
Könnte man von 1349 auch denken, da sie mit ihrem hochtechnischen und fiesen Black Metal für Nicht-Kenner verdammt anstrengend sind. Und daß das Licht noch durch die Oberlichter reinkommt, ist auch nicht dienlicher. Die ersten Reihen stört das herzlich wenig und es wird am späten nachmittag schon gut abgegangen zu Perlen wie "Nathicana", "Chasing dragons" oder "I am abomination", die allesamt ultra-präzise dargeboten werden. Ein kleinerer Club und weniger Licht, dann wäre es ein Hammer geworden.
Necrophobic dürfen sich dann als Nächste beweisen. Die Klasse der Band ist unumstritten, hört man dies doch besonders beim Abschlußtrack "The nocurnal silence". Das Publikum gibt zwar guten Applaus ist aber im Schnitt etwas inaktiver als bei 1349. Liegt's am Sänger, der gemessen am Sound mir nicht böse genug erscheint? Hm, druckvoll und sauber gespielt wird die Stunde allemal.
Bei Wintersun werden dann nicht nur Geschwindigkeit, und Melodienreichtum nach oben geschraubt, nein, auch das Publikum wird endlich wacher. Die Band zeigt sich um einiges agiler und souveräner als noch auf dem W:O:A (was wohl auch an der kleineren Bühne liegt) und setzt der Meute die gleiche Setlist vor. Die nimmt dankend an, singt, schunkelt und bangt, daß es die helle Freude ist. Genau - Freude: Wintersun machen einfach Spaß und haben auch eben solchen. Allen voran, Drummer Kai Hatho, dem selbst bei den wahnwitzigsten Passagen das Lachen nicht vergeht und der sich selbst über seine improvisierten Fills und Breaks freut wie ein Honigkuchenpferd! Ein würdiger Support für die kommende Amon Amarth-Tour.
Und dann gab es endlich amtlichen Death Metal in Form von God Dethroned. Klassische Headbanger-Hymnen für ein klassisches Headbanger-Publikum - keine Pits, nur bangende Köpfe - GEIL! Der Sound ist phänomenal und Frontmann Henry Sattler schreit seinen Fans einen Hit nach dem anderen entgegen. Und neben "Nihilism", "Boiling blood" oder "Serpent king" gibt man uns mit "Hating life" noch einen vorzüglichen Vorgeschmack auf das neue Ende Oktober erscheinende Album "The toxic touch". Das wird ein Fest und der Gig ist auch einer. Sieg auf ganzer Linie.
Da zwischendurch auch mal eine längere Pause sein muss (naja, und ein bißchen Eigenwerbung muss ja auch gemacht werden), komme ich erst zu "The hangman of prague" bei Marduk an. Aber was ist hier los? Die zweiten Schwarz/Weiß-Gesichter des Abends (nach 1349) ballern sich souverän durch ihre meist pfeilschnellen Black Metal-Granaten, die Halle ist gut gefüllt, doch 90% sind eher tatenlos. Auffällig ist, daß man die Boshaftigkeit der Songs nicht so ganz in persona ausdrückt sondern sich auf Grummel-Intros vor fast jedem Song verlässt. Ist nicht gerade stimmungsdienlich, passt aber zur blasphemischen Einstellung der Band. Schön ist auf jeden Fall, dass Marduk auch langsamere Songs wie "Funeral Bitch" zum Besten geben. Wie auf Knopfdruck fliegen dann auch gleich die Haare vor der Bühne. So geht's.
Schnell, langsam, groovig - bei Unleashed ist das sowas von egal! Nachdem es auch draußen richtig dunkel ist, ist "Winterland" der perfekte Einstieg. Unleashed sind heute die logische Steigerung zu God Dethroned. Fronthüne Jonny ist noch sympathischer, der Sound ist noch besser, die Band hat noch mehr Hits im Gepäck und verzeichnet sogar die ersten Sprechchöre des Abends. Der "Death Metal Victory" wird dann in vollkommener Eintracht mitgeschrien. Die Band präsentiert sich wie gewohnt nahezu perfekt. Nur "nahezu" bei Unleashed? Jipp, da Drummer Anders leider im Krankenhaus verweilt, greift die Band auf einen "Ein-Abend-Ersatz" zurück, der sich trotz einer Spitzenleistung zwei-/dreimal auffällig verspielt. Aber nix für ungut. Unleashed waren auch schon vor Beginn des Festivals der heimliche Headliner.
Und für mich sogar der offizielle, da ich leider aufgrund eines kleines Notfalls die Segel streichen muss, und somit leider die holländischen Death Metal-Urväter Gorefest nicht sehen kann. Schade, aber nicht tragisch. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass die Jungs trotz ihrer Klasse diesen Tag (über 6 Stunden extremer Metal auf hohem Niveau) noch mal toppen können. Sorry, das nächste Mal halt.
Ein paar Randnotizen abseits der Musik:
Als erstes ist sofort auffällig, daß das Geld bei den Besuchern nicht unbedingt so locker sitzt. Erster Beweis: Die Schlange an der Ticket-Umtausch-Kasse ist ungefähr dreimal so lange wie die der Abendkasse, was ich darauf zurückführe, dass die meisten ihr Ticket schon extrem früh gekauft haben (vom 15. April bis 15. Mai 2006 kostete es nur 15 € im Vergleich zur Abendkasse - dort 28 €). Zweiter Beweis: Mit den ganzen Pfandflaschen auf dem Parkplatz hätte man sich noch die eine oder andere Bratwurst an der Imbissbude vor der Halle gönnen können - oder halt das nächste Bier am Bierwagen.
Schade war, daß nicht jede Band mit Merchandising auftrat. God Dethroned und Marduk fehlten komplett.
Die Mischung der Bands war gut kalkuliert, was man speziell am Publikum merkte. Man hatte das Gefühl, das hier wirklich alle an einem Strang ziehen und nichts mit Hasstiraden gegen anwesenden Bands zu tun haben wollen. Unter solchen Voraussetzungen kommt man doch immer wieder gerne!
Setlist - 1349:
Hellfire - live intro Hellfire - live song Riders of the apocalypse Nathicana Necronathalaheten Chasing Dragons Satanic Propaganda I am abomination Sculptor of flesh Slaves to slaughter Hellfire - live outro
Setlist - God Dethroned:
Nihilism Boiling blood The warcult Soul sweeper Villa vampiria The art of immolation Arch enemy spain Serpent king Sigma Enigma Hating life The tombstone
Setlist - Unleashed:
Winterland To asgaard we fly Don't want to be born Death metal victory Victims of war Into glory ride The longships are coming Destruction (of the race of men) Never ending hate In the name of god Before the creation of time