Turisas haben es heute nicht ganz leicht. Das typische Iced Earth-/Annihilator-Publikum scheint mit der finnischen Humppa-Party nicht so ganz viel anfangen zu können. Bei einer gerade mal 5 Songs umfassenden Setlist kann man als Band aber natürlich auch nicht gerade sehr viel präsentieren. Dennoch sind in den ersten Reihen so einige Fans der Truppe anwesend, sorgen für ordentlich Stimmung und die spielfreudigen Finnen schaffen es dann sogar noch mit den beiden letzten Songs - der recht eigenwilligen Boney M.-Coverversion "Rasputin" und dem bandinternen Überhit "Battel metal" - noch ein paar Pluspunkte zu sammeln und vielleicht auch noch den einen oder anderen neuen Fan hinzu zu gewinnen. Ein mehr als solider Start in den heutigen Konzertabend.
Mit dieser kräftigen Aufwärmrunde ist die Markthalle gut vorbereitet auf Annihilator. Was soll man noch über Jeff Waters' Baby sagen. Musikalisch absolut tight mit Spielfreude und trotz "neuem" Line-Up restlos überzeugend. Sänger Dave Paddon greift neuerdings in die zweite Sechssaitige und teilt sich den Gesang mit dem Chef während der neue Bassist mit einer grandiosen Zweit-("Never, neverland") bzw. Drittstimme (!! "Clown parade") glänzt. Dreh- und Angelpunkt ist natürlich Jeff Waters, der immer noch einen irren Spass an der Musik hat und während seiner Soli für offene Kauleisten sorgt. Das Publikum feiert die Kanadier nach allen Regeln der Kunst und denkt nicht im Traum daran, den von Paddon geforderten Circle-Pit bei "Phantasmagoria" zu starten. Wehende Matten im kompletten ersten Drittel der Halle. Annihilator Metal eben.
Nach diversen Festival-Auftritten kommt jetzt die Stunde der Clubgig-Wahrheit für Iced Earth, denn in dieser Form liegt der Fokus mehr als zuvor auf Tim Owens. Eines vorweg - der kommunikativste zum Publikum war er ja nie und wird es wohl auch nie. Aber gesanglich dürfte er zusammen mit Harry Conklin (Jag Panzer) das aktuelle Mass der Dinge sein. Die ersten fünf Tracks der aktuellen CD gehen in einem Zug durch. Überhaupt besteht die Setlist bis auf zwei Ausnahmen nur aus den wichtigsten I.E.-Phasen ("Dark saga" und aufwärts), was in der heutigen Mischung ein Hitfeuerwerk sondergleichen darstellt. Mein Gott, ein Kracher jagt hier den Nächsten und mit der überschäumenden Stimmung in der Markthalle lasse ich mich sogar zu dem Gedanken hinreissen, dass Iced Earth in dieser Form eine Art letzte Bastion des Heavy Metal sein könnten, nachdem Titanen wie Iron Maiden oder Judas Priest offensichtlich langsam der Sprit ausgeht. Definitiv ist diese Tatsache auch auf Tim Owens Gesangleistung zurück zu führen. Vom ersten Schrei bei "Something wicked Part 1" bis zum letzten bei "Iced earth" ("Victim of changes" hoch drei!) lässt der Ripper jeden Kritiker verstummen. Das konsequent hoch gesungene "Dracula" hat fast "Painkiller"-Status. Einzig und allein in ruhigen Momenten wie "Melancholy" fehlt meiner Meinung nach Herrn Owens der nötige Tiefgang und die Wärme eines Matthew Barlow. Das und die Tatsache, dass es ein "Gettysburg"-Teil auch getan hätte, sind aber auch schon die einzigen Nörgelpunkte von meiner Seite. Iced Earth sind wieder/weiter auf dem Siegeszug und derzeit in ihrem Metier wohl kaum zu schlagen. Eine fast ausverkaufte Hamburger Markhalle spricht da Bände. Vor fünfeinhalb Jahren waren die Herrschaften zur "Horror show"-Tour hier zu Gast. Und bis heute dachte ich, es war ein denkwürdiger Auftritt. Tja, folks - jetzt ist Umdenken angesagt.
Setlist - Turisas
To Holmgard and beyond A portage to the unknown One more Rasputin Battle metal
Setlist - Annihilator
King of the kill Operation annihilation Clown parade W.T.Y.D. Never neverland Phantasmagoria Alison hell
Setlist - Iced Earth
Overture Something wicked Part 1 Invasion Motivation of man Setian massacre Burning times Declaration day Violate Vengeance is mine A charge to keep Stormrider Dracula The hunter Ten thousand strong Gettysburg (Hold at all cost + High water mark)
Melancholy (Holy martyr) My own saviour Iced earth
Text Turisas & Fotos: Marco Zimmer Text Annihilator & Iced Earth: Siegfried Wehkamp