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Enslaved, 05.12.2008

Hamburg - Marx
Support: Audrey Horne & Krakow


Nachdem Enslaved beim Auftritt auf dem Dortmunder Heidenfest-Abend etwas fehl am Platze waren, ist es unumgänglich, sich die Band noch mal vor "heimischen" Publikum anzuschauen. Heute in Hamburg mit zwei interessanten Supportbands, die stilistisch nicht wirklich zum Headliner passen, dafür aber gemäß dem Motto "die Mischung macht's" den Abend zu einem abwechslungsreichen Happening werden lassen.

Den Startschuss geben die Bergener von Krakow, die mir völlig unbekannt sind und bunt zusammengewürfelt erscheinen. Nach den ersten Tönen wird aber schnell klar, daß das High on Fire-Shirt von Gitarrist/Clean-Sänger René Misje eine gute Richtung andeutet. Ein bißchen Stoner, ein bißchen Doom, aber viel Groove und der Wechselgesang mit dem rauhen Organ von Bassist Frode Kilvik macht die Band schon interessant und wird ab dem zweiten Song mit den ersten fliegenden Matten vor der Bühne belohnt.
Nur am Rande erwähnt sei, daß Gitarrist Kjartan Grønhaug mit seiner Aufforderung am Gitarrengurt (siehe Bild rechts) augenscheinlich nicht so viel Erfolg hatte. Armer Mann...




Auf Audrey Horne bin ich echt gespannt. Nicht nur, daß Enslaved-Gitarrist Ice Dale hier auch mit von der Partie ist, sondern ob der alternativ angehauchte Hard Rock mit Alice In Chains-Querverweisen heute Abend ankommen wird. Sänger Toschie sorgt mit kräftiger Stimme und viel Bewegung aber sofort dafür, daß man sich nicht abwenden will. Und wenn er dann noch ins Publikum springt, dort singt und den Kontakt zu den Anwesenden sucht, wäre weglaufen eh eine unhöfliche Lösung. Musikalisch natürlich alles andere als Black Metal-ausgerichtet, treten die sechs Herren aber dermaßen Sitzfleisch, daß ich mich nach einigen Songs beim Mitbangen erwische, bei den starken Refrains ärgere, die Texte nicht zu kennen und beim finalen "Threshold" (ein Killer-Song vor dem Herrn) der Band verfallen bin und nicht mehr warten will, bis ich sie auf dem Rock Hard Festival 2009 wiedersehe. Ich bin schwer beeindruckt!




Danach könnte man eigentlich auch die Augen zu machen und einfach nur genießen. Enslaved sind wirklich etwas ganz Besonderes. Ich habe es zu spät, und die Metalwelt immer noch nicht vollends begriffen. Knapp hundert Fans begrüßen die Norweger stürmisch und bekommen eine Show nach Maß geliefert. Mit dem Hauptaugenmerk auf dem aktuellen Album "Vertebrae" und vereinzelten Songs aus der Vergangenheit gehen die folgenden 90 Minuten viel zu schnell vorbei. Faszinierend ist dabei, daß es eigentlich egal ist, welche Songs gespielt werden. Da kann Grutle ruhig ankündigen, daß "Allfadr Odinn" älter als Horst Tappert ist (ein Schelm). Auch die in manchen Kreisen so verhassten Clean-Vocals sind bei Enslaved ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil, die den ausführenden Keyboarder Herbrand Larsen zum heimlichen Star im Bühnenhintergrund erstrahlen lassen. Die Fans scheinen die Weiterentwicklung ihrer Band über die Jahre immer akzeptiert zu haben. Die Essenz von Enslaved liegt eben nicht in einzelnen Songs, sondern in dem was sie transportieren. Nämlich Kälte, Boshaftigkeit, Intelligenz, Schönheit und das Gefühl sphärischer Weiten - sogar in einem kleinen Club wie dem Marx. Und in dem herrscht so gute Stimmung, daß Enslaved nach ihrer (planmäßigen) Zugabe "Isa" mit dem uralten "Slaget i skogen bortenfor" noch spontan einen drauf setzen.
Und trotzdem war alles zu schnell vorbei. Aber es war ganz großes Kino auf engstem Raum. Dieses Kunststück können sich nicht viele Bands auf die Fahne schreiben. Nach heute schreibe ich mir Enslaved erst mal auf meine.
See you next time, guys!




Text & Fotos: Siegfried Wehkamp