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Heidenfest, 08.11.2008

Dortmund - Westfalenhalle 2


Wo die Heidenfest-Tour hauptsächlich sonst mit sechs Stammbands (Finntroll, Primordial, Eluveitie, Equilibrium, Manegarm, Catamenia) durch die Lande zieht, legt sie in Dortmund mit drei zusätzlichen Bands (Eisregen, Enslaved, Thyrfing) plus lokalem Opener (Dyrathor) noch ein paar Briketts drauf. Wenn das mal nicht ein Party-Abend für alle Pagan- und Black Metal-Fans wird.

Und ein langer, der mit leichter Verspätung um halb zwei nachmittags beginnt. Die Homepage sagte zwar 14 Uhr, aber was soll's. Der lokale Opener Dyrathor steht bereits auf der Bühne, als ich die Westfalenhalle 2 betrete. Was fällt mir als erstes auf? Die Fellkleidung und eine Geige - da hätten auch Turisas spielen können. Nur daß die um Klassen besser sind.

Als nächstes sind die Schweden von Manegarm dran. Die erschrecken mich zwar auch mit einem Violinisten, sind aber musikalisch verträglicher mit dem gewohnten Schlachtensound, mit schunkeligem Bang-Takt und dezenten Tempoauflockerungen. Zum Anwärmen für die Meute vor der Bühne bestens geeignet. Das Feedback ist gut.

Bei Catamenia sieht das Ganze ähnlich aus, zumindest, was das Publikum betrifft. Interessant ist hier übrigens die Gesangsaufteilung zwischen dem Gitarristen und einem Solo-Vokalisten. Erinnert mich an Amorphis anno 1994/95, da stand der einzelne Mann auch etwas verloren auf der Bühne. Doch musikalisch geht es hier eine Spur deftiger zu. Der Fünfer prescht nicht nur einmal mit kräftigen Black Metal-artigen Schüben hervor, die fast schon in Richtung Dissection gehen. Ansonsten wieder klassische Melodieführungen aus dem Fundus der skandinavischen Geschichte. Nach zwei Geigen auf jeden Fall eine gute Auflockerung.


Catamenia 



Das ist genau das Stichwort - denn bei den bavarischen Berserkern Equilibrium ist das Publikum genug gelockert und gibt der Band einen fast Headliner-würdigen Empfang. Ziemlich beeindruckend. Die Band gibt Vollgas, das Publikum geht steil ... und ich gehe hinter die Bühne, wo mich Alan von Primordial zum Interview erwartet. Equilibrium haben die Halle aber definitiv zum Kochen gebracht.


Equilibrium 



Diese Erkenntnis mussten dann auch Thyrfing machen. Aufgrund des Interviews platze ich mitten in den Gig hinein und sehe zwar ein zahlreich anwesendes Publikum, aber von Aktion kann nicht unbedingt die Rede sein. Ihre Art von nordischem Midtempo-Black Metal ist fast etwas verschachtelt und beim ersten Hören stelle ich mir vor, daß der Sound um Neufrontmann Jens Ryden (ex-Naglfar) in intimerer Atmosphäre oder auch unter'm Kopfhörer vielleicht besser kommt. Wenn auch nur als Zusatzband für den heutigen Abend - verkehrt waren Thyrfing trotzdem nicht.

Thyrfing 



Etwas gespannt war ich dann doch auf Eluveitie aus der Schweiz, die mich instrumental erst mal das Fürchten lehren. Sechs Mann und zwei Frauen, die sich zu den klassischen Metalinstrumenten noch mit Geige, Flöte und anderem mittelalterlichen Equipment bewaffnet haben. Und das darauf produzierte Gefiedel wird dann auch noch mit einigen typischen NWOSDM-Riffs und vermehrten Tempoausbrüchen gekreuzt. Das klingt erst ziemlich interessant und mit zunehmender Spieldauer wieder eintönig. Die Idee ist spitze und Eluveitie gehören zu den Abräumern des Abends, aber ich merke mal wieder, daß ich nicht gerade empfänglich für klassische Mittelalter-Vibes bin.


Eluveitie 



Da kommen mir Enslaved gerade richtig, die vor einer halbvollen Halle antreten müssen. Kennt die niemand? - Glaube ich nicht. Ist das Material zu anspruchsvoll? - Für den Großteil der Pagan-Folk-Anhänger ... ja! Zusammen mit Primordial die wohl erwachsenste und auch eigenständigste Band des Abends beschert mir einen 45-minütigen Trip durch unheilsschwangere Soundlandschaften inkl. Projektionen als Backdrop, gepaart mit der Bissigkeit und Erhabenheit des klassischen Black Metal. Obwohl für mich noch fast Neuland (jedenfalls drei bekannte Songs des neuen Albums "Vertebrae") bleibt nur das Fazit: Enslaved waren heute unheimlich schön - und das im wahrsten Sinne beider Worte!


Enslaved 



Jede andere Band hätte ich danach links liegen lassen, aber nicht wenn es sich um Primordial handelt. Selbst bei den Iren machte ich mir anfangs Sorgen, ob sie mit ihrer Musik und Einstellung beim recht jungen Publikum ankommen würden. Okay, die Halle wurde wieder voller. Aber daß beim Opener "Empire falls" kaum mitgesungen und bei "The song of the tomb" Alan's Widmung an Bathorys Quorthon fast mit Nichtbeachtung gestraft wird, spricht leider Bände. Aber sie haben es trotzdem geschafft. Ein wie immer völlig entfesselter Alan A. Nemtheanga zieht mit seiner Performance, acht Überhits im Gepäck und einer perfekt harmonierenden Band das Publikum mal wieder in seinen Bann, und rechtfertigt den Ausnahmestatus dieses Quintetts. Die ersten "Zugabe"-Rufe des Abends sind der eindeutige Beweis!


Primordial 



Die hatten dann auch die Urväter das Humppa - Finntroll. Was hauptsächlich auf die Klasse ihrer Songs zurück zu führen ist. Fronter Vreth hat zwar immer noch nicht den größten Bewegungsradius (und die Bühne ist nun wirklich groß genug) und die Band wirkt auf mich etwas zu eingespielt. Krachern wie "Jaktens tid" und "Trollhammaren" tut dies aber keinen Abbruch. Ein paar Verwegene bangen sogar im Durchgangsbereich Foyer/Halle um die Wette.

Die Grätchenfrage: Wer bleibt nach neun Bands noch bis zum Schluß?
Um es vorweg zu nehmen - ich nicht! Keine Ahnung, welche Geschichten sich um Eisregen ranken. Index hin oder her. Was im Moment zählt, ist das was ich von der Bühne geboten bekomme. Und das ist für mich indiskutabel. Wieso macht man soviel Wind um aufsehenerregende deutsche Texte (dort soll ja der Fokus liegen), wenn man live nicht ein einziges Wort versteht. Nicht mal in den (mehr schlecht als recht) gesungenen Passagen. Das Publikum schreit nach "Krebskolonie" - gibbet aber nicht. Von seiner toten russischen Freundin darf Sänger Blutkehle auch nicht erzählen und macht den dümmsten Witz des Abends, als er ernsthaft (?) fragt, ob das Publikum denn heute auch einen "Heiden"-Spaß hat? Also bitte...
Musikalisch haut mich das Black Metal-Gerumpel der dritten Kategorie ebenso wenig vom Hocker. Wenn ich musikalische Boshaftigkeit will, dann lieber Endstille. Und selbst die nehmen sich nicht hundertprozentig ernst.


Eisregen 



Ich streiche die Segel und überlasse die Westfalenhalle 2 der letzten Band, die mit ihren treuen Anhänger weiter feiert. So oder so - die Heidenfest-Tour scheint mit Erfolg durch die Lande zu ziehen. Heute waren rund 3.200 Besucher anwesend, die wie eingangs erwähnt einen richtigen Party-Abend hatten.



Text & Fotos: Siegfried Wehkamp