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Festival: HELL OVER HAMMABURG

06.03. - Warm Up Show - The Rock Café - St. Pauli

Auf einem Freitag Nachmittag staufrei nach Hamburg zu gelangen, grenzt schon an ein Wunder. Der "ausverkauft"-Stempel auf der vielfältig besetzten Warm Up Show für das dritte HELL OVER HAMMBURG Festival dagegen weniger. Und was für ein gemütlicher Club das "The Rock Café" auf St. Pauli doch ist.

Mit BLIZZEN startet der Abend erst mal sehr traditionsbewusst in Bezug auf klassische Metal Klänge inklusive einer knackig flotten NWOBHM-Kante. Von der ersten Sekunde an stehen die Front Row-Headbanger dem aktiven Treiben auf der Bühne in nichts nach. Die Band aus Hessen hat aber auch allen Grund, Gas zu geben. Ihre EP "Time Machine" sollte eigentlich letztes Jahr in Eigenregie veröffentlicht werden, doch High Roller Records reagierten zügig und nun warten alle auf den 17. April. Neben den EP-Tracks reihen sich noch mühelos zwei neue Songs in das Set, welches mit dem jetzt schon unverzichtbaren "Time Machine" und dem Powerpaket "Gone Wild" eine bestens angewärmte Meute zurück lässt. So mag ich Opener!

Blizzen

Kontrastprogramm - wir schalten rüber ins Doom-Exil. Die Schweden von WARDENCLYFFE machen sich auf der Bühne startklar und Sänger Jacob Nordangård fällt mit seinen Armee-Stiefeln, dem Barock-Mantel und dem Zylinder schon vor dem ersten Ton auf. "We are the Merchants of Doom!" - sagt es und startet in den gleichnamigen Song. Die Instrumental-Fraktion beschränkt sich auf ein massives Fundament aus simplen Riffs und energischen Beats, immer wieder durchkreuzt von einigen schicken Leads, während Nordangård sich in Theatralik versucht und die ersten Reihen mitunter sehr crazy fixiert. Und irgendwie funktioniert die Kiste. Denn was mir auf ihrem Debüt "Control All Delete" (welches am heutigen Freitag erscheint) anscheinend fehlte, wird durch die Live-Umsetzung gefüllt. Die Songs packen irgendwie besser und als sich erst "A Journey Through The Major Arcana" und dann das fulminante "Externalization Of The Hierachy" breit machen, bin ich mir sicher, dass das Bier eine untergeordnete Rolle für meinen Rausch-ähnlichen Zustand spielt. Eine echte Überraschung.

Wardenclyffe

Das letzte Wort haben DEATHRONATION. Und die Truppe aus Nürnberg macht gar kein großes Brimborium und donnert erstklassig drauflos. Würde sich doch bloß der Sound etwas differenzierter gestalten, ich hätte den Abend unter "wunschlos glücklich" abgelegt. Und wieder bin ich mir sicher, dass das Bier weniger der Grund dafür ist, dass man die sehr wohl vorhanden Kabinettstückchen der Death Metaller zwischendurch nicht richtig vernehmen kann. Der wild bangenden Masse vor der Bühne ist das aber rechtschaffend egal und mir sollte es das eigentlich auch sein, denn allein die Songs des Debüts "Hallow The Dead" (2014) sprechen eine mehr als deutliche Sprache, wo die Band in der Szene anzusiedeln ist - ziemlich weit oben.

Deathronation

07.03. - Markthalle/Marx - Hamburg

Die dritte Ausgabe des Festivals ist ausverkauft - dazu erst mal herzlichen Glückwunsch! Wird es auch in diesem Jahr speziell im kleinen Marx ein dichtes Gedränge geben und eine Kontrolle an der Tür? Warten wir es ab.

Die erste Band des Tages steht nämlich auf der Markthallen-Bühne und heißt AMBUSH. Die Schweden nutzen die Gunst der Stunde und legen höllisch los. "Firestorm", "Ambush", "Hellhound", "Heading East" - während dieser vier Songs sehe ich eine junge, wilde Truppe, die sich inklusive einiger Accept-Einlagen auf der Bühne ebenso gibt. Vollgas, nicht stillstehen und mit Oskar Jacobsson einen stimmlich sicheren jungen Mann - eine reinrassige Metalshow eben, die ich aber mittendrin verlassen "muss" ...

Ambush

... denn im Marx spielen gleich TRIUMPHANT und man will ja noch einen guten Platz ergattern. Zehn Minuten vor Showbeginn aber fast gähnende Leere, was sich aber wirklich - und ohne "Einlasskontrolle" - ganz schnell ändert. Zur Band: Von ihrem Debüt "Herald The Unsung" wissen wir bereits, dass die Innsbrucker ihren Black/Thrash gerne mit klassischen Metal-Elementen würzen. Es muss also nicht alles durch und durch böse sein, was sich wohl auch Fronter Bekim Leatherdemon (jau!) denkt, wenn er sich das eine oder andere breite Grinsen nicht verkneifen kann. Könnte ich aber auch nicht, wenn das vollgepackte Marx im vorderen Bereich eigentlich permanent in Bewegung ist und zu schweren Geschützen wie "Nachtzehrer" oder "Devotion" ordentlich Alarm macht.

Triumphant

ROBERT PEHRSSON's HUMBUCKER rockt danach in der großen Halle zwar etwas außerhalb meines Hörbereiches, aber hörbar zeitlos. Klingt für mich spontan ein wenig nach Black Trip, nur mehr "lässig aus der Hüfte". Und schau an, deren Joseph Tholl (ebenso bei Enforcer) zockt hier die zweite Gitarre. Na, das passt doch.

Bei THE TOWER ist das Marx mal wieder voll. Da bleibt erst mal nur der Eindruck des Ohres. Viel Black Sabbath-Hippie-Kram, dann aber auch mal ziemlich simpler Rock. Ein Kuttenträger - just zurück aus den ersten Reihen - spricht gegenüber seinem Kumpel von einer "Bierbudenband". Irgendwie kann ich während einer Solo-Passage noch einen Blick erhaschen und sehe einen langhaarigen Zappelphilipp mit Rüschenhemd … auweia.

Dann doch lieber etwas ganz anderes. Kerzen, Weihrauch (viel Weihrauch!), Knochen, Schädel, die Göttin Kali - CULT OF FIRE ziehen alle Register, wenn es um die visuelle Umsetzung geht. Und die Roben nebst Masken und riesigen Kapuzen machen echt etwas her (wie hält der Drummer das bloß bei seinem Pensum aus?!). Bei dem Quartett aus Prag ist für mich heute Abend alles Premiere. Und auf diesen sowohl infernalischen, als auch erhabenen Black Metal muss man erst mal klar kommen, wenn man ihn nicht kennt. Die Qualität ist in dieser Form aber schon so immens hoch, dass dieser Gig mir noch Tage später nach hängt und sich durch mein Unterbewusstsein frisst.

Cult Of Fire

Der Drang nach Frischluft überspringt CARONTE und führt danach geradewegs wieder in die große Halle, wo die beste Laune des Abends spendiert wird - mit freundlicher Genehmigung von "Professor" Chris Black und seinen HIGH SPIRITS. Sie können quasi jeden ihrer Gute Laune-Rocker bringen und die Meute grinst, aber wenn die Worte "Midnight City, Lights In The Sky" ertönen und "Another Night In The City" startet, explodiert die Halle. Ein einziger Drei Minuten-Rocker vereint vorpubertäre Nachwuchs-Headbanger mit Metal-Opas. Großartig! Und dazu noch das lässige "I Need Your Love", das flotte "Wanted Dead" oder das erstmals gespielte "Demons At Your Doors". Klasse, das Grinsen werde ich doch wieder nicht los …

High Spirits

Um die für die krankheitsbedingt ausfallenden Dødsengel eingesprungenen DROWNED tut es mir im Marx etwas leid, dass ich mich nicht richtig um sie "kümmern" kann. Der Club ist zum Bersten voll und die Luft steht. Ich behalte derweil im Kopf, dass ihr Debüt "Idola Specus" ein eigenwilliges, aber schlichtweg starkes Death Metal-Album ist.

Wenn bei einem Doom Fanatiker der Name SOLSTICE fällt, glitzern die Augen. Ich will nun wissen, warum und bekomme von den Briten - die sich über zehn Jahre bedeckt hielten - eine für Doom-Verhältnisse wirklich energiegeladene Show geboten. Heroisch, episch, aber enorm kraftvoll treffen die Herren auf ein textsicheres Publikum, welches der Band quasi am Rockzipfel hängt. Ich nehme mit den beiden neueren Songs "Death's Crown Is Victory" und "White Horse Hill" zwei gute Argumente mit, mich mit der Band in Zukunft zu beschäftigen.

Solstice

Auf CD lasse ich NECROS CHRISTOS noch wirklich gelten, denn ihre Songs sind klasse, keine Frage. Man muss halt auf diesen orientalisch angehauchten Doom Death können, was bei den immer schwieriger werdenden Luftverhältnissen in der Markthalle und einem aktuellen Pensum von fünfeinhalb Stunden nicht leicht ist. Nichtsdestotrotz tritt die Band wirklich massiv und entschlossen auf - trotz nicht gerade hochaktivem Stageacting - und wenn neben "Black Bone Crucifix" oder der aktuellen "Va Koram Do Rex Satan"-Version an diversen Stellen kurzzeitig mal das Tempo leicht angezogen wird, kommt neben rauschartigem Headbanging auch mal richtig Bewegung in die Menge. Nur das Ding mit den englischen Ansagen will sich mir noch nicht ganz erschliessen …

Mal sehen, ob die Hell over Hammaburg-Leitung nächstes Jahr eine kleine Idee hat, wie man die Bandüberschneidungen zurückschrauben kann. CHAPEL OF DISEASE im Marx "verlieren" bei mir leider gegen den Headliner in der großen Halle - MIDNIGHT. Die wohl geilste Krach-Kombo nach Venom macht einfach keine Gefangenen und schert sich einen Dreck um einfach alles. Dazu gehört leider auch, dass die Band nach 40 Minuten sich selbst von der Bühne fegt. Front-Rüpel Athenar klärt aber zumindest auf, dass der etatmäßige Saiten-Zerpflücker Commandor Vanik Papa geworden ist und sein "Ersatz" ziemlich kurzfristig noch satte zwölf Songs gelernt hat, er aber jetzt keine mehr kann. "Prowling Leather", "All Hail Hell", "Necromania", "Satanic Royality", "Endless Slut" und natürlich "You Can't Stop Steel" - wirklich beschweren kann ich mich jedenfalls nicht. Auch nicht über Athenar, dem man durch die Maske nicht wirklich ansehen kann, ob er die Fotografen vor ihm wirklich nicht leiden kann oder nur Späße treibt, als er dem Schreiber dieser Zeilen mitten im Song mit einem Fuß auf die Schultern steigen möchte … dann doch lieber am Schluss auf den PA-Turm steigen und sich - an den Hängeboxen festhaltend (!) - ins Publikum hinüber hechten. Das passt wiederum dem Equipment-Chef vor Ort nicht, der wutentbrannt Richtung Backstage knattert. Hach, was für ein geiles Spektakel! Das lasse ich mir auch 2016 nicht entgehen! See ya, Hammaburg!

Midnight

Text & Fotos: Siegfried Wehkamp